Wie ich berichtet habe, war Paul ja krank, er hatte Husten und Schnupfen und ihm war nicht gut, das war ihm anzumerken. Nachdem wir hier zu Haus alle ordinären und alternativen Heilmittel durchhatten, war ich doch etwas nervös, dass der Junge nach sieben Tagen immernoch hustete. Ich war mir sicher, dass es ihm besser ging, weil ihm das anzusehen war, machte mir aber Sorgen, dass der Husten noch nicht weg war. Und so rief ich die Ärztin an, um mich bei ihr zu versichern, dass das ganz normal sei und ich noch ein bisschen geduldig sein sollte, in eins, zwei Tagen würde das schon besser sein. Leider reagieren die Menschen nicht immer so, wie man sich das vorher im Kopf ausmalt und so sagte sie, ich sollte doch Paul vorbeibringen, damit sie ihn abhören kann, denn dann wären wir auf der sicheren Seite. Naja, wer will nicht auf der sicheren Seite sein, vor allem als Mama? Paul ab ins Auto, in einer halben Stunde sind wir wieder zu Hause.
Nachdem die Ärztin ihn abgehört hat und die Lunge als frei diagnostiziert hatte, was laut Plan eigentlich dazu führen sollte, dass wir wieder nach Hause können, denn in diesem Fall hieße es einfach noch einen Tag geduldig sein, erklärte sie, dass wir noch nicht auf der sicheren Seite angekommen seien, sondern zuerst noch ein Röntgenbild machen müssten im Krankenhaus. Denn dann wäre tatsächlich auszuschließen, dass es was Ernstes ist. An dieser Stelle hätte ich sagen müssen, nein danke, ich verzichte. Aber ich wollte doch auf die sichere Seite! Also fuhren wir ins Krankenhaus und damit wir auch noch gleich dran kommen (es war schon abends um sieben) schrieb die Ärztin auf die Überweisung, "Verdacht auf Lungenentzündung", auch wenn sie den nicht hatte. Damit war unser Schicksal bei der aufnehmenden Tante Doktor im Krankenhaus besiegelt. Sie schaute Paul an und meinte: "Lungenentzündung? Und gelb ist er auch noch! Aber er ist doch schon zwei Monate! Dieses Kind bleibt hier, für drei Tage, das checken wir gründlich durch"
Und eh ich mich versah, waren wir auf der Kinderstation und Paul wurde eine Kanüle in die Hand geschoben, während mich die Schwestern fragten, ob ich die drei Nächte gerne auf einem Bett oder einem Stuhl verbringen möchte. Ich verstand die Frage nicht und erwiderte: Stuhl? Gibt es Mütter, die einen Stuhl wählen? Die Schwester reagierte beleidigt, "nun ja, nicht alle können sich ein Bett leisten", und da verstand ich, dass ich für ein Bett bezahlen musste. Paul hatte sein Bett schon bezahlt, aber meins kostete extra. Verschwender, der ich bin, wählte ich trotzdem das Bett.
Noch am gleichen Abend fanden alle wichtigen Untersuchungen statt, neben Röntgen, die einzige Untersuchung, die uns eigentlich noch zum Ankommen auf der sicheren Seite gefehlt hatte, hielten die Fachkräfte im Krankenhaus noch Blutbilder und Ultraschall für notwendig. Ohne diese wäre der Weg dorthin versperrt, meinten sie. So ließ Paul auch diese alle über sich ergehen, was hatte er auch für eine Wahl. Das Ergebnis erfuhren wir relativ bald am nächsten Morgen. Die untersuchende Ärztin stellte fest, alle Untersuchungen haben nichts ergeben, der Junge ist gesund, auch das Gelbsein hat keine schwerwiegenden Ursachen, aber um ....und da war sie wieder....auf der sicheren Seite zu sein, sollten wir doch noch 24 Stunden hier bleiben, zur Beobachtung. An dieser Stelle machte es Klick und ich entschied mich endlich dafür alleine zur sicheren Seite zu schwimmen, mit Paulchen auf dem Arm. Beobachten kann ich Paul ja auch zu Haus. Das hab ich nicht verstanden, wie mir eine auf 35 Grad geheizte mit schwer kranken Kindern gefüllte Kinderstation dabei helfen sollte, Pauls nicht vorhandene Krankheit zu beobachten (seit wir im Krankenhaus waren, hatte Paul sowieso nicht mehr gehustet, er hatte inzwischen ganz andere Probleme). Ich bestand darauf, Paul mit nach Hause zu nehmen, auf eigene Verantwortung, und zog mir den Unmut des gesamten Ärzteteams zu. Der Oberarzt erklärte mir sogar, dass ich mich in seinem Krankenhaus nie wieder blicken lassen sollte, wenn ich Paul jetzt mit nach Hause nähme. Sie wären keine Einrichtung, wo mein einfach rein und raus spaziert, wie man möchte. Und immerhin müssten wir noch tausend Untersuchungen machen, um ....na?....genau!...auf der sicheren Seite zu sein.
Um mir klar zu machen, wie riskant mein Verhalten war, schrieb der Herr Professor dann auch sämtliche Krankheiten auf Pauls Entlassungschein, die er im Medizinstudium gelernt hatte. Wenn der Junge die alle gehabt hätte, wären wir nie zur sicheren Seite gekommen. Eine Krankheit ist seitdem im Hause Paul der Renner: Unterernährung. Der Herr Professor bescheinigte meinem Sohn Dystrophie, zu deutsch Unterernährung. Darüber musste selbst Pauls Kinderärztin lachen.Wir sind nach einer Nacht Krankenhaus jedenfalls wieder nach Hause und Paul hat seitdem nicht wieder gehustet. Wahrscheinlich hat er gedacht, wenn die hier jedesmal so einen Tanz veranstalten, wenn ich mal huste, dann halt ich lieber die Luft an.
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